So ging es weiter

Kurze Zeit später begann man mit den sportlichen Aktivitäten, teilweise unter freiem Himmel, teilweise in den Sälen und Nebenräumen Viernheimer Gaststätten, vor allem im „hessischen Haus“. Nicht anders als heute: bereits im Gründungsjahr kam es zu Kabbeleien , was Trainingszeiten und Raumkapazitäten anging, und ein großer Teil der damaligen Mitglieder wurde ausgeschlossen - sie gründeten in der Hoffnung, schneller voranzukommen, die „ Turngenossenschaft Viernheim“. Trotzdem florierte der Verein, bereits im April 1894 wurden über 200 Vereinsmitglieder verzeichnet, das „hessische Haus“ erwies sich bald als zu eng, man war gezwungen, in einen größeren Saal umzuziehen - dieser wurde 1898 in der Gaststätte „ deutscher Kaiser“ gefunden. Mitglied durfte damals übrigens nur werden, wer das 25. Lebensjahr vollendet hatte, jüngere Sportler wurden als „ Zöglinge“ bezeichnet. Die finanziellen Möglichkeiten waren damals sehr eng gefasst, so musste zum Beispiel im November 1896 der Brauereibesitzer Renz um ein Darlehen über 100 Mark für ein Reck angegangen werden. Mit sportlichen und kulturellen Ereignissen wurde versucht, etwas Polster in die Vereinskasse zu bringen, das war in der damaligen Zeit, als die meisten Viernheimer Bürger nur selten ihren Heimatort verließen - Medien wie heute existierten ja noch nicht - jedes Mal ein wichtiges örtliches Ereignis.

So kam es bereits 1894 zur Gründung einer Gesangsgruppe um den Lehrer Jakob, Konzerte wurden veranstaltet, die hierdurch eingenommenen Eintrittsgelder wurden genauestens im Protokoll vermerkt: 1896 z. B. bei einem Konzert wurde für den ersten Rang 0,50 Mark, für den zweiten Rang 0,30 Mark Eintritt erhoben. Selbst die Präsenz der Vorstandsmitglieder auf Sitzungen wurde kontrolliert, eine eventuelle Abwesenheit wurde mit einer Strafe von 0,50 Mark geahndet - sicherlich sollte diese Vorgehensweise auch heute einigen Vorstandsmitgliedern zu denken geben! Auf diese Weise konnte der junge Turnverein bereits 1898 einhundert Mark beim Viernheimer Kreditverein zinsbringend anlegen. Drei volle Tage wurde gefeiert!

Vom 20.7. bis 22.7. 1901 kamen aus der gesamten umliegenden Region ca. 70 Turnvereine, zahlreiche Gesangsvereine sowie auch die vorher abgespaltene Turngenossenschaft. Das Fest fand im Hof der Goetheschule statt, in seiner Festrede legte Lehrer Mayr dem Verein die „ Gewinnung von Festjungfrauen“ besonders ans Herz, wie viele schließlich kamen, wurde allerdings nicht protokolliert.... Genauso wenig wie die Probleme, allen immer gleich gerecht zu werden: 1905 kam es zu einer schweren Krise, ein großer Teil sowohl aktiver als auch passiver Mitglieder sagten sich im Streit vom Turnverein los und gründeten im Gasthaus „ Zum goldenen Engel“ ( heute: Ratskeller) einen eigenständigen Verein, den Männerturnverein. Somit existierten im frühen 20. Jahrhundert in Viernheim 3 Sportvereine: Der TV v. 1893, der Männerturnverein und die Turngenossenschaft.

1912 gab es offensichtlich erneut Zerwürfnisse, ein weiterer Verein namens „ Turngesellschaft Jahn“ wurde gegründet, alle bis dahin „etablierten“ Vereine mussten Mitglieder lassen. Dieser - nunmehr 4. - Viernheimer Sportverein überlebte aber den ersten Weltkrieg nicht. Die anderen drei Vereine wurden der Deutschen Turnerschaft angegliedert.

Am gesellschaftlich bedeutendsten wurde für Viernheim der Männerturnverein, wohl, weil in diesem Verein wichtige (und finanzpotente!) Dorfhonorationen wie der Bürgermeister Lamberth und der Brauereibesitzer Renz Mitglied waren. Dieser Verein gründete 1910 eine Fußballabteilung - Viernheims Erste! Viele, sehr kurzlebige Fußballvereine sollten in Viernheim folgen.

1914 wurde der junge, aufstrebende Verein durch die Weltkriegskatastrophe jäh in seiner Fortentwicklung unterbrochen, der letzte Protokolleintrag erfolgte am 11.6.1914. Die Welt war untergegangen in dieser Zeit, auch der TV v. 1893 Viernheim existierte nicht mehr. Bereits Ende Dezember 1918 reaktivierte sich der Turnverein, der Präsident (so nannte man damals den ersten Vorsitzenden!) Gg. Aug. Adler berief die erste Sitzung nach dem Weltkrieg im „ halben Mond“ ein, und am 5.1.1919 fand ein erster Vereinsabend statt, an dem man der gefallenen Vereinsmitglieder gedachte. Einig war man sich darin, dass man trotz der Rückschläge nun wieder weitermachen wollte und musste.

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